(dasKabelwerk.at/24.11.2009): Hallo Herr Erstling! Ab Freitag 27.11.2009 wird im Palais Kabelwerk das Drama „Onkel Wanja“ von Anton Tschechow gespielt – worum geht es in diesem Stück? Andreas Erstling: In diesem Stück geht es um die allgemeinen Fragen des Lebens. Der Mensch wird immer von der Frage gequält nach dem Sinn des Lebens und findet diese Antwort nicht. Um diesen Zustand geht es in dem Stück. Das war vor 100 Jahren schon so, und das ist heute auch noch so. Dass, was Anton Tschechow vor 100 Jahren schon geschrieben hat, ist durchaus aktuell. Da geht es um Liebe genauso wie um den Sinn des Lebens, um Karriere, um Freundschaft, um Einsamkeit, um Langeweile, um Drogen. Also die üblichen Themen des Lebens. Und das Ganze sehr philosophisch. Auf der einen Seite erzählt. Auf der anderen Seite aber auch sehr bodenständig, sehr menschlich. Man sieht die Menschen, wie sie einfach über sich selber reflektieren, mit dem Gegenüber. Und das oft in sehr vertrauensvoller Atmosphäre.
dasKabelwerk.at: Sie führen ja bei diesem Stück die Regie – können Sie mir etwas mehr über sich erzählen? Erstling: Ich bin selber vor 15 Jahren nach Wien gekommen, habe hier Schauspiel studiert, am Konservatorium bei der Frau Elfriede Ott und habe seither in vielen Theaterstücken gespielt. In Hauptrollen, in Nebenrollen, am Theater der Jugend, im Freiraum-Anatomie-Theater, aber auch in Deutschland, am Stadttheater Erlangen, und mache seit etwa 10 Jahren auch nebenher Regie mit verschiedenen freien Gruppen, also mit Performance-Gruppen. Eine Performance-Gruppe die ich gegründet habe, heißt „Ampe Geusau“. CRG ist eine Theater-Gruppe. CRG heisst Centrums Reiner Gestik, und das bezieht sich auf die Spielweise, an der wir arbeiten. Seit 10 Jahren versuchen wir immer weiter zu reduzieren und zu reduzieren, um eine Authentizität auf die Bühne zu bringen, eine Wahrhaftigkeit, eine Ehrlichkeit. Es geht also nicht darum, daß der Schauspieler das große Gefühl zeigt und ausspielt, sondern es geht vielmehr darum, dass er es empfindet. Dieses Gefühl auch in einer Art von Stille setzt, und damit den Zuschauer vielmehr anlockt. Wir sagen, der Schauspieler wird bespielt, vom Text, vom Rhythmus, von der Athmosphäre, von der Geschichte an sich. Und wir leben den Schauspieler wie er quasi etwas auf der Bühne erlebt, in einer Einmaligkeit auch. Weil jede Aufführung eine andere Atmospähre hat, ein anderes Publikum, ein anderer Spielort. Und somit ist wie immer Theater live, und bei uns jedesmal anders.
Aber Ihre Frage genau hat sich eigentlich auf mich bezogen, Ich mache seit 10 Jahren immer mehr Regie neben meiner Schauspielerischen Tätigkeit, und schreibe unter anderem auch Stücke, immer wieder, habe einige Stücke jetzt am TAG-Theater gemacht, in der Gumpendorfer Strasse, und mache sowohl experimentelle Performances, als auch traditionelles Theater, wie jetzt zB den Onkel Wanja, oder Geschichten aus dem Wienerwald, auch sehr erfolgreich vor 6 Jahren im dietheater Künstlerhaus, auch mit dieser Gruppe, der CRG.
dasKabelwerk.at: Onkel Wanja ist ja sozusagen ein Klassiker der Theaterwelt. Das Stück wurde bereits mehrfach verfilmt und unzählige Male aufgeführt. Was erwarten Sie von Ihrer Interpretation? Man munkelt es gäbe eine Überraschung … Erstling: Ich habe das Stück vor ca. 10 Jahren gelesen, und war in gewisser Weise von der Sprache und von dem Text elektrisiert. Ich weiß aber, daß Tschechow sozusagen unter Theaterkennern dafür bekannt ist, dass er auch langweilig sein kann. Also auch wenn man Leuten sagt, wir machen Onkel Wanja, dann sagen diese, oh ja, man weiß eh schon, das wird langweilig, da passiert nichts. Das ist seltsamerweise ein Zustand, der mich interessiert. Weil ich glaube, dass alles was geschieht, sowieso immer aus dem Nichts heraus passiert. Und hier beim Onkel Wanja bin ich einen extremen Weg gegangen, und habe alles sozusagen, aus den Schauspielern selber heraus entwickelt. Dass heisst, ich habe kein Konzept entwickelt, was ich erzählen möchte, sondern ich habe einfach den Text und die Situation auf die Schauspieler wirken lassen. Was ich zusätzlich gemacht habe, ist, dass ich nicht in ein großes Theater gegangen bin, sondern in einen kleinen Raum. Wir spielen ja an verschiedenen Orten, immer bei 30 oder 40 Zuschauern, eine Art Film-Setting, und da ist ein sehr intimes Spiel, ein sehr subtiles Spiel möglich. Ein sehr feines, ein sehr berührendes Spiel möglich. Ich bin der Meinung, dass ist uns sehr gut gelungen. Wir haben mittlerweile schon 6 Aufführungen gemacht. Wir werden da also bestätigt, dass das wirklich gelungen ist. Daß es tatsächlich passiert, daß man durch soetwas Flirrendes in den Bann gezogen wir, dass aus einer Stille heraus sich entwickelt. Wobei ich auch dazu sagen muß, dass es durchaus Szenen gibt, die sehr sehr laut werden und sehr expressiv sind. Das passiert immer dann, wenn das Gefühl sehr stark wird, wenn der Schauspieler natürlich auch sehr laut und zeigt das Gefühl sehr stark am Körper. Aber wenn wir ein sehr zartes Gefühl haben, dann bleibt dieses Gefühl auch sehr zart. Es wird eher der Zuschauer angelockt, als dass der Schauspieler dieses Gefühl dem Zuschauer zeigen muß. Der Zuschauer wird immer wieder angelockt. Ich glaube, dass ist der große Unterschied. Deswegen ganz bewusst in kleinen Räumen. Im Kabelwerk ist es so, dass wir zwar ein bisserl mehr Leute haben – wir haben ca. 60 Leute . Aber der Raum ist zwar sehr groß im Kabelwerk, aber er hat eine wunderbare Akustik, und er unterstützt vor allem dieses Gefühl, dass das Publikum mit dem Schauspieler in einer Art Film-Setting ist. Weil die Bühne und der Publikumsraum sind sehr klein gehalten, in diesem großen Raum. Es fördert die Intimität des Ganzen. Man fühlt sich wie im Wohnzimmer, bei den Darstellern zu Hause. Was mir noch wichtig war, ist: Es wurde vor 100 Jahren geschrieben, aber es ist noch immer aktuell. Es sind die gleichen Fragen, die in dem Stück gestellt werden, wie wir sie uns heute stellen. Als Mensch, im menschlichen Dasein. Was wollen wir in unserem Leben, und mir war es wichtig, dass Stück auch wirklich ins Heute, ins hier, ins jetzt zu setzen. Auch das ist meiner Meinung nach sehr gut gelungen, wenn man es betrachtet. Man kann sich als Zuschauer sehr schnell identifizieren mit den einzelnen Personen und mit den Situationen, und man hat wirklich das Gefühl, es kann hier und jetzt sein. Es ist nicht irgendwann vor 100 Jahren, und es ist nicht in Russland, sondern es ist hier und jetzt, in Wien und im Kabelwerk, oder an jedem anderen Spielort, an dem wir sind.
dasKabelwerk.at: Das Stück wurde ja in den letzten Tagen bereits in der Galerie am Roten Hof im 8ten Bezirk, sowie in „Das Dorf“ im 3ten Bezirk aufgeführt – wieso wird es an 3 Spielorten aufgeführt? Erstling: Es ist so, dass wir auf der einen Seite in kleinen Räumen spielen wollen, um eine Intime Atmosphäre zu haben, und auf der anderen Seite wollen wir uns immer wieder von der Atmosphäre der einzelnen Spielorte beeinflussen lassen, um eine Authentizität zu fördern, um ein Hier und Jetzt zu fördern. Ich möchte das Stück auch im nächsten Jahr noch an weiteren Spielorten aufführen. Es wird sich immer wieder verändern dadurch, in der Spielweise, in der Atmosphäre, aber auch im Bühnenbild wird sich jedes Mal etwas verändern.
dasKabelwerk.at: Das Palais Kabelwerk ist ja ein relativ neuer Spielort, der erst vor kurzem eröffnet wurde – wie sind Sie zu diesem Spielort gekommen?
Erstling: Wir haben schon vor 8 Jahren mit CRG im Kabelwerk „Den zerbrochenen Krug“ von Kleist gemacht, als es noch die alten Hallen waren. Und als jetzt das neue Gebäude fertiggestellt war, wurde ich angerufen und eingeladen, ob wir nicht wieder Lust haben, etwas zu machen. Da ich jetzt momentan diese Produktion habe, die in verschiedene Spielorte geht, da habe ich gesagt, ja, dass können wir machen, das geht ganz schnell. Ich bin total froh, dass wir da sein können und der Kontakt hat wie gesagt schon seit vielen Jahren bestanden und wird weiterbestehen.
dasKabelwerk.at: Wann sind die Spieltermine, was kosten Karten?
Erstling: Das Stück wird am 27ten, 28ten und 29ten November 2009 gespielt, im Palais Kabelwerk, in der Oswaldgasse 35a, im 12ten Bezirk. Jeweils um 20 Uhr, nur am Sonntag dem 29ten um 17 Uhr. Die Preise sind 14 EUR Vollpreis, und 9 EUR ermässigt.