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Interview Hagnot Elischka - Theaterperformance Psychiatrie

Hagnot Elischka im Interview mit dasKabelwerk.at



(dasKabelwerk.at / 12.4.2010)  Am 29. April 2010 findet im Palais Kabelwerk die Theaterperformance Psychiatrie statt. Dazu hat dasKabelwerk.at mit Hagnot Elischka gesprochen.

dasKabelwerk.at: Worum geht es in dem Stück?
Hagnot Elischka: Es geht um Psychiatrie. Es geht um psychiatrische Krankheiten, und wir stellen psychische Krankheiten vor. Wir zeigen die Struktur von acht psychischen Krankheiten. Es ist ja die psychische Krankheit so in das Schmuddel-Eck oder in sowas Morbide gedrängt worden. Mittlerweile nehmen diese Krankheiten überhand und sind auch schon sozusagen salonfähig geworden, weil ja sehr viele Mächtige und Manager auch schon Borderline krank geworden sind, Depressionen leiden. Fußballstars leiden an Depressionen. Es ist nicht mehr so zu verschweigen, das System Psychische Krankheiten. Und eine Stoßrichtung von unserem Projekt ist, allgemein mal zu zeigen, wie funktionieren psychische Krankheiten. Also wir haben drei Fachleute, die arbeiten in der Psychiatrie im AKH-Wien, und führen Befragungen von echten Psychischen Kranken vor.  Dadurch daß echte psychische Kranke befragt werden, über ihre Krankheit, oder soweit sie überhaupt durch diese Krankheit sprechen können über ihre Krankheit. Aber auf jeden Fall bei Wahn wie fantastisch das Bild ist, und wie normal die Leute eigentlich reagieren.  Also sie sind einfach krank. Aber ein Alkohol-Kranker ist auch krank. Das ist nicht irgendein Suff-Kopf, sondern der ist ab einer bestimmten Form der Sucht krank. Und dann ist es als Krankheit zu behandeln. All das ist einmal das moralische und humanistische, daß dahinter liegt. Das Ganze ist aber ein Kunstprodukt, das auch das Ganze in einem überhöhten, schönen Kontext erzählt.

dasKabelwerk.at: Als was für eine Art von Stück darf man das  bezeichnen?
Elischka: Man kann jetzt also bei diesen neuen Stücken, die jetzt hauptsächlich im Kabelwerk gezeigt werden, nicht mehr von einem Theaterstück reden, wo der Mörder mit dem Messer um die Ecke kommt, um den König zu ermorden. Das ist mehr. In dem Fall handelt es sich um eine Präsentation eines psychischen Zustands, oder in dem Fall acht extreme psychische Zustände. Diese Leute, die im AKH in der Psychiatrie arbeiten, erzählen nebenbei auch über ihren Arbeitsplatz. Also wie sie dazu gekommen sind, wie sie mit den Kranken zu tun haben. Daß sind zufällig auch eben Schauspieler im Beruf. Und können deswegen das Ganze vom Diskurs auch über Arten des Spiels, also wie wird gespielt, wie wird simuliert. Diese Darstellung dieser Krankheiten ist ja also fantastisch. Aber die sind eben Doppelgänger von echten psychisch Kranken. Und es ist aber nicht mehr so aufgebaut: „Steigende Handlung, Katastrophe, absteigende Handlung, Mord, Totschlag oder Liebe“, sondern hier wird wirklich etwas erzählt. Deswegen nennen wir das Theater-Performance. Performance ist ursprünglich in unseren Breiten, wie die Bildenden Künstler nicht mehr zufrieden waren mit dem viereckigen Bild und mehr wollten. Die wollten Raum und Zeit hineinbringen, und sind dann so zu theaterähnlichen Darstellungsformen gekommen. Das hat Performance geheißen. Das hat dann der Tanz nach Jahren übernommen, zum Zorn der bildenden Künstler. Die haben das Ganze natürlich dann nicht mehr als reine Lehre gefunden. Der Tanz hat dann weiter daran gearbeitet, und jetzt greift das Theater dazu, und zum Großen Missvergnügen des Tanzes, weil die haben natürlich auch mittlerweile eine Theorie dazu gefunden, aber es ist ein so verführerisches Medium. Man muß nicht mehr ein Theater-Stück machen, daß nach diesen alten Formen von Aristoteles oder Brecht gebaut, sondern man kommt in eine richtige Diskussion über ein Thema, daß total spannend sein kann, aber muß nicht den alten Formen der Steigerung der Spannung also, König irrt sich, wir Zuschauer kapieren, daß König sich geirrt hat, er weiß es nicht, und dann kommt dann aber auch schon von seinen Feinden der Mörder um die Ecke. Also sowas kommt da nicht vor. Aber was im Hirn vorkommt, also bei unserem Denken vorkommt, nachvollziehbar für jeden normalen Menschen, weil es ganz normale Gespräche oder längere Darstellungen des eigenen Ichs sind. Sind halt total spannend, weil es wie eigentlich ein Tratsch an der Bassena ist, nur ist das Ganze halt packende Themen unserer Gesellschaft, und nicht wer wem gerade einen Tritt in den Hintern gegeben hat im Haus.

dasKabelwerk.at: Sie sind ja in der Schauspiel- und Filmszene kein Unbekannter, wenn man das so sagen darf, wenn sie vielleicht ein bischen mehr  über sich erzählen?
Also ich selbst habe eine Schauspieler-Ausbildung  in Wien gemacht, und hab´ mir dann einige Zeit deutsche Landestheater, Tourneen und so gegeben und war dann recht enttäuscht, weil das war nicht das Bild von Kunst, daß ich mir vorgestellt habe. Und so die ein bischen trinkfreudigen 40-jährigen damals, die eigentlich überhaupt keine wirkliche Freude mehr gehabt haben an dieser Arbeit, oder überhaupt dann in den Landestheatern so Angestellten-Typen. Ich will jetzt nichts gegen Angestellte sagen – aber die mehr so feindselig ihrer Art gegenüber gestanden sind. Und da war ich sehr enttäuscht, und habe dann aufgehört mit dem Beruf,  1 Jahr, und habe herumgejobbt, weil ich total unglücklich war. Ich habe die ganze Ausbildung gehabt, und das war es dann nicht. Und da bin ich dann in die freien Theater. Ich habe die zufällig gesehen, weil ein ehemaliger Kollege von der Schule von mir in so einem Theater gespielt hat, und da habe ich gesehen, da ist ein Zugang zur Kunst, der mich total gereizt hat. Ich bin dann zur freien Produktion gegangen, und bin eigentlich dabei geblieben. Ich habe enorm dabei gelernt, war natürlich immer wieder dazwischen, so ein Jahr mal aus sozialen Ängsten in Stadt- und Staatstheatern, aber es war dann immer wieder so, daß mich das nicht sehr erfreut hat, weil die Stimmung dort meist sehr wenig inspiriert ist. Ich habe natürlich Pech gehabt, es gibt natürlich auch Theater wo die Stimmung total inspiriert ist – dementsprechend sind dann natürlich auch die Produkte dort. Aber ich habe dann auch viel in Deutschland, sehr lange in der Schweiz gespielt – war 10 Jahre bei Mexum Wien und bin dann eigentlich wegen meiner Kinder zurück, damit die in Österreich in die Schule gehen. Ich habe dann hier in der freien Szene angefangen weiterzuarbeiten. Zwischendurch natürlich auch wieder Volkstheater und so. Aber ich arbeite frei. Und dazu kommt natürlich auch Film, immer wieder. Also wenn man ein bisserl bekannter ist, dann fallt man einem Filmregisseur auch einmal ein. Und da habe ich einmal das Glück gehabt, daß Valie Export mich haben wollte, oder Christian Berger, der Kamera-Mann, der jetzt gerade für den Oskar nominiert war. Also ich bin da schon mit Kapazundern zusammengekommen, und aber eben auch im Theater mit tollen Dramaturgen, mit tollen Regisseuren zusammengekommen, und habe so viel gelernt, daß ich dann in der Schweiz angefangen habe, selbst zu inszenieren. Also Thomas Brasch, ein damaliger berühmter Autor, in den 80er Jahren, der hat eben gesagt, er will, daß ich ein Stück von ihm inszeniere, und zusammenstelle. Also so bin ich über die Dramaturgie dazu gekommen. Ich habe bei Peter Stein auch als Hilfs-Dramaturg mal in der fünften Reihe gearbeitet, da habe ich auch enorm gelernt dabei. Das war, was man jetzt Hospitanz nennt. Also ich habe nichts verdient dabei, aber ich habe enorm gelernt. Ich habe einen Sprung von 2 Jahren in meinem Hirn gemacht, in diesen drei Monaten, die ich dort gearbeitet habe. Und so hat sich das halt zusammengereichert, und 1995 habe ich dann das erste Mal eine Produktion in Wien gemacht, das viel, lange Überzeugungsarbeit gebraucht hat. Ich habe einen Text von Sokrates auf die Bühne bringen wollen. Nur damals hat es geheißen: „Sokrates, das ist ja fad, das  kann man ja nicht machen.“ Und ich habe dann versucht zu beweisen, das geht, das ist total spannend. Und dann habe ich so aus Gnade nach 2 ½ Jahren ackern dann ein bischen Geld dafür bekommen. Ein anderes Theater ist als Koproduktion eingestiegen, so dass das auch daran geglaubt hat. Und das hat eingeschlagen wie nichts! Das ist ein Projekt, das wir jetzt noch spielen, also nach 15 Jahren. Wird immer wieder angefordert und hat für Wien auch was bewirkt. Weil diese Auseinandersetzung mit reingeistigen Stoffen am Theater, das war seitdem möglich. Seitdem haben die Geldgeber kapiert, dass es nicht nur normal geschriebene Stücke sein müssen.

dasKabelwerk.at: Haben Sie irgendeinen Bezug zum Kabelwerk?
Elischka: Wie das Kabelwerk als Kunstraum eröffnet worden ist, war ich zufällig gerade aus Zürich in Wien. Und weil ich natürlich von der Wiener Szene einige gekannt habe, bin ich hingegangen, mir das anzuschauen, und war schon einmal erstaunt, wie voll das war. So weit ab, und voll mit Zuschauern, und das war so eine große Performance mit Arbeiterheeren, die irgendwie so die Vergangenheit dieses Kabelwerks gezeigt haben. Und wie ich dann angefangen habe mit den eigenen Produktionen in Wien, bin ich zu den Zwei, die das organisiert haben, Sedlak und Sperger, und habe gefragt, ob da irgendwo in den Fabriksarealen ein Proben-Raum für mich wäre. Und der war da. Ich habe das schon von früher gekannt, das ich in Industrie-Ruinen am Besten proben kann, das ist so fantastisch, also Lost World mäßig, dass man jedes Stück also Proben kann. Weil das irgendwie auch eine Ästhetische Nahrung für die Schauspieler ist. Und von da an habe ich immer wieder versucht, da reinzukommen, weil es einfach auch für die Probenarbeit ideal wäre. Und die haben es auch immer geschafft, mich in irgendwelche Räume hineinzubringen, die gerade möglich waren, und die nicht einsturzgefährdet waren. Und so habe ich eigentlich glaube ich fünf bis sechs Stücke hier geprobt, im Laufe der letzten Jahre. Und jetzt spiele ich das erste Mal hier.  Ich möchte noch sagen, dieses Stück inszeniere ich nicht, sondern da habe ich einen ganz jungen Regisseur aus Berlin, dessen Arbeiten ich kennengelernt habe, und den wollte ich dafür haben, daß der das inszeniert, weil der bringt eine wirklich tolle, neue Spannung in das Ganze, gerade bei solchen spannenden Texten. Er hat gerade kürzlich im Schauspielhaus hier in Wien seine erste Inszenierung in Wien gemacht. In Deutschland ist er schon ein Shootingstar. Und ich bin unheimlich stolz und froh, daß ich ihn auch mit meinen Themen faszinieren kann. Und wir proben ja jetzt schon 3 Wochen, und es ist eine ganz tolle Arbeit, und ich denke, daß wird schon für das Publikum auch was ganz was Feines werden.

dasKabelwerk.at: Herr Elischka, Danke für das Interview!
Ich danke auch für das Interview.


Hagnot Elischka ist in Wien geboren. Er ist als Theaterschaffender in Wien, Zürich und Kiel tätig. Zuletzt führte er im Theaterstück „Unter Berücksichtigung der Langstreckenflugkörper für den Weltfrieden“, eine Auseinandersetzung mit den Kriegsbemühungen gegen den Irak des George W. Bush, im Künstlerhaus Regie.


 

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